Unterwegs mit Hulda und Ludwig – was die Kontaktclowns im Pflegezentrum Bachwiesen bewirken

Wenn unter Pflegenden die Rede auf humorvolles Arbeiten kommt, so ist dies häufig mit Erwartungen verbunden. Humorvolle Interventionen sollen als Methoden vermittelt werden. Kolleginnen, Kollegen oder auch Seminarleiter sollen sich als geübte Clowns oder witzige Comedians vorstellen. Dabei kommen Menschen, die in der Pflegepraxis humorvoll interagieren, häufig feinsinniger daher. Christian Müller, Vorwort des Herausgebers, Humor Care, Bern 2019, S. 21

Wir sind als die Kontaktclowns Hulda und Ludwig im Pflegezentrum Bachwiesen unterwegs, laden zum Mit-spielen-lachen-tanzen-singen-staunen ein. Wir sind keine Bühnenclowns und wenn wir besonders witzig sein wollen, wird es eher peinlich. Wir lassen uns berühren von dem, was in den Begegnungen passiert. Mit unserem Auftreten, der Clownnase und Kostümierung öffnen wir einen Raum. Einen Raum, in dem nicht wir den Takt vorgeben, sondern zuerst genau hinhören und schauen, welche Stimmungen und Gefühle uns entgegenkommen. Als Kontaktclowns brauchen wir ein sehr feinsinniges Gespür, um die Bedürfnisse unseres Gegenübers wahrzunehmen und eine gute Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden. In diesem zweiten Teil unseres Blogbeitrages erzählen wir nun ein paar Geschichten kostbarer und berührender Begegnungen mit Hulda und Ludwig.  

Einst Freiwillige, jetzt Bewohnerin

Frau J. hat drei Jahrzehnte als Freiwillige im Pflegezentrum Bewohnerinnen und Bewohner besucht.  Frau J. wohnt nun selber im Pflegezentrum Bachwiesen. Ihre kognitiven Beeinträchtigungen sind gross und auch körperlich wird sie immer schwächer. Sie sitzt im Rollstuhl. Frau J. hat Freude an den Clowns – zieht mit ihnen durchs Haus. In ihrem Lachen zeigt sie ungefiltert ihre Freude. Wenn sie nach den Clownbesuchen der Aktivierungstherapeutin oder dem Seelsorger begegnet, strahlt sie mit dem gleichen Lachen. Sie kann sich sprachlich nur noch sehr begrenzt ausdrücken. Sie zeigt auf die Nase, will erzählen und tut es in ihrer Form. Irgendwann verschwindet sie in ihrem Zimmer und kommt mit einem Couvert zurück. Darin ist ein Foto, auf dem sie gemeinsam mit Hulda und Ludwig abgelichtet ist.

Simmi das Straussenbaby

Die Mutter von Frau H. ist gestorben. Frau H. ist mir ihrem Mann und ihrer sechsjährigen Enkeltochter aus Holland ins Pflegezentrum Bachwiesen angereist. Die Familie folgt den Clowns auf die Abteilung neben der Cafeteria. Sie lassen sich gerne von Hulda und Ludwig zum Mitspielen animieren. Die beiden Clowns holen aus ihren Koffern immer neue Wunderdinge. Eine kristallene Zauberkugel, überlange Tücher, kleine Quietschenten und auch ein grosses Ei. Aus dem Ei entspringt Simmi das Straussenbaby. Otti, der hippige Straussenpapa, feiert die Geburt des Nachwuchses. Die Enkeltochter kümmert sich rührend um Simmi. Längst haben sich auch andere Bewohnerinnen und Bewohner der Abteilung dem Spiel angeschlossen. Zum Abschluss stimmen Hulda und Ludwig mit Mozart, dem Vater der kleinen Quietscheenten, die kleine Nachtmusik an: Ga Ga Gaa Ga Gag Gag Gag Gag Gaa…

Bereit für Tango?

Frau Scha bleibt meistens in ihrem Zimmer und meidet eher das Zusammensein mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern. Die Aktivierungstherapeutin und Seelsorger haben einen guten Draht zu ihr. Ihre kognitiven Einschränkungen zeigen sich erst in den Alltagsbewältigungen. Sie lebte viele Jahre in Asien und hat spannende Geschichten aus ihrer Kindheit zu erzählen. Wenn Hulda und Ludwig auf ihre Abteilung kommen, klopfen sie an ihre Zimmertür und holen sie zum Clownspiel ab. Manchmal ist sie zu müde und anders unpässlich. Der Kontakt mit Frau Scha hat sich ritualisiert. Wenn sie mitmacht, kommt sie mit ihrem schwarzen Seidenkimono und wartet, bis Ludwig sie zu einem Tanz einlädt. Hulda hat die passende Tangomelodie und los geht’s. Ludwig kann nicht Tango tanzen. Das macht aber gar nichts, denn Frau Scha übernimmt die Führung. So tanzen die beiden Tango. Ludwig vergisst, dass er gar nicht Tango tanzen kann und Frau Scha vergisst, dass sie am liebsten allein ist. Wunderschön. 

Kontaktclowns – nicht nur schrill und laut

Hulda und Ludwig treten leise ins Zimmer, Frau Z. liegt im Bett. Sie ist unruhig, wälzt sich hin und her. Hulda spielt eine leise Melodie auf dem Akkordeon und streicht ihr leicht über den Arm. Ludwig bleibt im Hintergrund. Er erinnert sich an einen Gottesdienst, den Frau Z. mit ihrem Mann im Pflegezentrum besuchte. Eine besondere Nähe und Innigkeit strahlten die beiden Eheleute aus. Als Frau Z. immer unruhiger wurde, legte ihr Mann schützend den Arm um sie. Diese Szene erinnernd, stimmt Ludwig nun das Kirchenlied «dona nobis pacem» (Gib uns Frieden) an. Frau Z. entspannt sich – merklich! Hulda, gar kein Kirchenmensch, summt leise die Melodie mit. Als wir uns von Frau Z. verabschieden wollen, schläft sie. Selig.

Musikalische Erfrischung fürs Kader

Mitglieder des Pflegekaders kommen gerade von einem Workshop. Im Treppenhaus treffen sie auf Hulda und Ludwig, die heute mit einem neuen Musikstück unterwegs sind: «And when the clowns go marching in, and when the clowns go marching in, I want to be in that number, when the clowns go marching in». Die Kaderleute sind überhaupt nicht schüchtern, singen mit, klatschen, tanzen… Es wird so richtig wild. Im Clownwagen liegen Rhythmusinstrumente bereit. So entsteht – ganz spontan – die erste Jam Session im Pflegezentrum Bachwiesen.

You are my sunshine, my only sunshine

Frau T. mag keine Sonne – am liebsten sitzt sie an ihrem Tisch im Aufenthaltsbereich der Abteilung. Frau T. mag jedoch Schlager, vor allem die mit den eingängigen Melodien. Das weiss Ludwig. «You are my sunshine, my only sunshine, you make me happy, when skies are grey.» Frau T. singt kräftig mit, ihre Augen leuchten. Ihre Freude steckt an. Hulda begleitet auf dem Akkordeon «La Paloma» und Frau T. und Ludwig übernehmen gemeinsam den Gesang. Zwischendurch wechselt Frau T. aufs Pfeifen. Absolut professionell! Langsam füllt sich der Aufenthaltsbereich. Frau T., die so gerne für sich allein ist, geniesst merklich die Gesellschaft.

Willkommene Abwechslung – für Bewohnende wie auch Mitarbeitende

Die Clowns kommen heute unangemeldet. Sie waren schon längere Zeit nicht auf dieser Abteilung. Im Stationszimmer treffen sie Ines, eine sehr erfahrene Pflegefachfrau. Ihr Lachen ist ansteckend. Sie laden Ines ein, in die Sennenjacke zu schlüpfen.

Ines gefällt die Idee mit dem Verkleiden. Die Kapitänsmütze müsste Herrn K. gefallen. Tatsächlich, sie passt ihm perfekt und er wird gleich mitsingen: «Ein Wind weht von Süd und zieht mich hinaus auf See, mein Kind, sei nicht traurig, tut auch der Abschied weh.» Hulda und Ludwig ziehen ihre musikalischen Register. Nun bedienen sich auch die anderen Kolleginnen und Kollegen der Pflege am Clownwagen. Das allerschönste Geschenk ist das leise Lächeln von Herrn P., der aus sicherem Abstand das bunten Treiben beobachtet. Nur sehr selten lichtet sich sein schweres Gemüt.

Die Clowns tauschen sich mit Ines über den Besuch aus. Es tut einfach allen gut, aus der Strenge des getakteten Alltags ausbrechen zu können.

Aus der Reserve gelockt

Frau S. wohnt schon seit mehreren Jahren im Pflegezentrum. Sie lebt sehr zurückgezogen. Ihr Einzelzimmer ist meistens abgedunkelt. Auch der Seelsorger konnte in all den Jahren keinen Kontakt mit ihr aufbauen. In den letzten Wochen geht Frau S. manchmal in die Cafeteria – im Morgenrock und darunter das Nachthemd. Kleider zieht sie schon lange nicht mehr an.

Ludwig und Hulda proben heute Vormittag im Saal, gleich neben der Cafeteria. Sie wollen ein paar neue Musikstücke in ein clowneskes Setting bringen. Frau S. muss von draussen das Akkordeon und die Klarinette gehört haben. Sie öffnet die Tür und schaut kurz zu den beiden Musikanten. Schnell schliesst sie die Tür wieder. Als Ludwig und Hulda Pause machen und in der Cafeteria sitzen, verschwindet Frau S. im Saal. Sie steht vor den Instrumenten und inspiziert die Clownrequisiten. Sie fragt Hulda, wie das Instrument mit den Tasten heisst und fragt, ob sie ihr etwas vorspielt. Hulda spielt ein paar Takte und Frau S. setzt sich auf einen Stuhl und beginnt die Szene merklich zu geniessen. Sie zeigt nun auf die Klarinette und auch Ludwig soll etwas spielen. Am nächsten Tag begegnet der Seelsorger Frau S. wieder in der Cafeteria. Sie erkennt ihn, zeigt gestisch eine Klarinette und fragt, ob die Clowns heute wieder im Saal proben.

Clowns auf Mission

Hulda und Ludwig holen sich den Schlüssel zum Fischteich. Mit Angelruten, Fischnetz, Akkordeon, Jonglierbällen und –keulen, Badetuch und Schwimmring geht’s los. Sie finden ein schattiges Plätzchen und packen ihre Sachen aus. Hulda will unbedingt in den Fischteich steigen. Sie zieht ihre Socken aus, legt sich den Schwimmring um den Bauch und schnappt sich die Angelroute. Ludwig warnt Hulda vor den grossen, fetten Fischen, die hungrig ihre Mäuler aus dem Wasser strecken. Hulda kennt keine Angst. Am Rand ist das Wasser nicht tief. Hulda wirft die Route aus. Ludwig wird nun auch mutig. Hulda hält ihn an der der Hand, damit er nicht ausrutscht. Vielleicht lassen sich die Fische mit dem Netz fangen? Es braucht sehr viel Geduld und vor allem gutes Zureden, bis sie einen kleinen silbernen Fisch aus dem Wasser ziehen. Stolz präsentieren Ludwig und Hulda ihren Fang.

Die Clowns haben nun genug vom Fischen. Sie steigen aus dem Wasser und machen es sich auf dem Badetuch gemütlich. Nach der kurzen Ruhepause jongliert Ludwig mit Bällen und Keulen zur Musik, die Hulda auf ihrem Akkordeon spielt. Es ist friedlich hier am Fischteich und die Fische kreisen auch schon wieder ihre gewohnten Bahnen.

Die letzte Geschichte illustriert, wie wir als Clowns die Kultur im Pflegezentrum mitgestalten dürfen. Gerade jetzt, mitten in der Corona-Pandemie, sind wir einfach da. Mit unserer Präsenz halten wir die Sehnsucht nach einer Freude wach, die es möglich macht, auch die schweren und manchmal allzu schweren Momente zu ertragen. Wie die Leuchtkraft dieser Freude am Clownspiel aufflammen kann, verstehen wir als ein grosses Geschenk.

Weiterführende Links

Verlinkung auf Teil 1 (Hulda und Ludwig – Kontaktclowns im Pflegezentrum Bachwiesen

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