Ein interdisziplinäres Lehrprojekt des Departements Gesundheit der ZHAW und des Lichtplanungsbüros lightsphere GmbH zeigt, wie evidenzbasierte Pflege und innovative Technik Hand in Hand gehen können.
Was hat Licht mit Demenzversorgung zu tun?
Viele reduzieren die Wirkung von Licht aufs reine Sehen. Dabei wird die Rolle von Licht als unser wichtigster Taktgeber für den Schlaf-Wach-Rhythmus völlig unterschätzt. In unserer modernen Welt verbringen wir aber die meiste Zeit in Innenräumen, weit weg vom natürlichen Hell-Dunkel-Verlauf.
Während gesunde Menschen diesen Mangel oft kompensieren können, ist das für Menschen mit Demenz, die sich kaum im Freien aufhalten, kaum möglich. Künstliche Beleuchtung in Pflegeeinrichtungen macht es oft noch schlimmer: Tagsüber ist es zu dunkel, nachts zu hell. Das bringt den inneren Rhythmus zusätzlich durcheinander.
Genau hier setzt dynamisches Licht an. Es ahmt den natürlichen Tagesverlauf nach und kann den biologischen Rhythmus stabilisieren. Für Menschen mit Demenz bedeutet das potenziell mehr Stabilität, besseren Schlaf, weniger Agitation und insgesamt eine höhere Lebensqualität.
In den drei folgenden Interviews berichten die Beteiligten von ihren Erfahrungen, Herausforderungen und Überraschungen.
Frau Busch, die spannende Frage, die Sie als Dozentin an der ZHAW für Ihr Lehrprojekt gewählt haben, kam direkt von einem Lichtplanungsbüro zu Ihnen. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit?
Ada-Katrin Busch: Manchmal entstehen die besten Ideen nicht im Seminarraum, sondern bei einem ganz normalen Gespräch über die Arbeit. Genau so war es bei uns: Ein informeller Austausch mit einem Lichtplanungsbüro brachte eine spannende Frage ins Spiel – «Kann dynamisches Licht die medizinisch-pflegerische Versorgung von Menschen mit Demenz unterstützen?» Sie kam für uns wie gerufen. Wir suchten nach praxisnahen Themen für unser Lehrprojekt zur evidenzbasierten Entscheidungsfindung. Die gerontologische Fragestellung «Dynamisches Licht in der Demenzversorgung» war eine von vieren, die in die letzte Auswahl kamen und bot eine perfekte Gelegenheit, die Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen. Was uns besonders reizte, war die interprofessionelle Zusammenarbeit. Die Studierenden sollten nicht nur wissenschaftlich arbeiten, sondern auch mit einem technischen Partner kooperieren. So konnten sie erfahren, wie mit Pflegefachwissen in einem scheinbar fachfremden Bereich einen entscheidenden Mehrwert generiert werden kann.
Wie haben Sie sichergestellt, dass die Empfehlungen nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern auch praxistauglich sind?
Jonathan Dominguez Hernandez: Wir haben die Studierenden von Anfang an dazu angeleitet, zielgruppenspezifisch zu denken. Sie mussten die Empfehlungen so formulieren, dass sie für Pflegefachleute, aber auch für Investor*innen oder Architekt*innen verständlich sind. Zum Abschluss haben wir eine Simulation durchgeführt, bei der die Studierenden in die Rollen dieser Zielgruppen schlüpften. Das hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, die Perspektiven der verschiedenen Akteur*innen zu integrieren, um zu einem tragfähigen Konsens zu gelangen.
Herr Schifferle, was hat Sie als Studierenden persönlich an diesem Projekt am meisten fasziniert?
Hannes Schifferle: Die direkte Verbindung von Pflege und einem technischen Thema wie der Lichtplanung. Es war beeindruckend zu sehen, wie man durch die Zusammenarbeit dieser beiden Disziplinen konkrete, patientenorientierte Verbesserungen schaffen kann. Es hat mich überrascht, dass solche Lösungen, obwohl sie verfügbar sind, noch so wenig in der Praxis angewendet werden.
Was nehmen Sie aus dem Projekt für Ihre zukünftige Arbeit als Advanced Practice Nurse (APN) mit?
Hannes Schifferle: Die Fähigkeit, komplexe, evidenzbasierte Analysen in eine klare und überzeugende Empfehlung für eine Geschäftsleitung zu übersetzen. Diese Übung im «Brückenbauen» zwischen tiefgehender Analyse und strategischer Entscheidungsebene ist eine extrem wichtige Kompetenz für mein zukünftiges Arbeitsfeld. Auch die Zusammenarbeit mit den Kommiliton*innen sowie dem Lichtplanungsbüro war sehr lehrreich. Die Diskussionen und die gemeinsame Konsensfindung haben gezeigt, wie wertvoll unterschiedliche Perspektiven sind.
Frau Hartmann, was hat Sie als Lichtplanerin bewogen, sich auf dieses Lehrprojekt einzulassen?
Julia Hartmann: In unserem Projekt zur dynamischen Beleuchtung sprechen wir sehr unterschiedliche Zielgruppen an. Uns fehlte das spezifische Know-how, wie Entscheidungen im Gesundheitswesen getroffen werden. Wir wollten verstehen, wie dort evidenzbasiert geplant und entschieden wird. Die Begegnung mit der ZHAW war ein Glücksfall, denn sie ermöglichte uns, die Perspektive der Pflege und der Medizin zu verstehen. Es war uns wichtig, von Anfang an offen für die Ergebnisse des Projekts zu sein und unsere eigenen Annahmen zu hinterfragen.
Welche Erkenntnisse haben Sie aus der Zusammenarbeit gewonnen?
Julia Hartmann: Die wichtigste Erkenntnis war: Es reicht nicht den Wirkmechanismus von dynamischem Licht zu kennen, um es zu verstehen – sie muss sichtbar und erlebbar werden. Erst durch das konkrete Erleben entsteht wirkliches Verständnis für die Bedeutung von Licht im Alltag – insbesondere im Kontext von Pflege und Gesundheit. Die Studierenden haben uns tiefe Einblicke in die Abläufe, Entscheidungsprozesse und Rahmenbedingungen in der Pflege gegeben. Themen wie Risikomanagement, Unterhalt oder auch Kostenfaktoren spielen eine zentrale Rolle und müssen bei der Planung von Beleuchtungslösungen unbedingt mitgedacht werden. Das hat unser eigenes Verständnis erweitert. Nur wenn Planung, Pflege, Wissenschaft und Kommunikation zusammenkommen, entstehen Lösungen, die nachhaltig wirken.
Wie geht es jetzt weiter?
Ada-Katrin Busch: Die erarbeiteten Materialien sollen nun dazu beitragen, das Potenzial von dynamischem Licht in der Pflege sichtbar zu machen. Die Studierenden haben eine evidenzbasierte, aber zugleich praxisnahe Grundlage geschaffen, um informierte Entscheidungen zu treffen.
Julia Hartmann: Wir befinden uns aktuell in der Phase der gezielten Verbreitung der Projektergebnisse. Diese werden in einer Wegleitung aufbereitet, die mit Unterstützung der AGE-Stiftung entsteht und digital wie gedruckt über verschiedene Kanäle verfügbar sein wird. Ergänzend dazu entwickeln wir Schulungen und Workshops, um den Transfer in die Praxis zu unterstützen.
Entscheidend ist, dass dynamisches Licht nicht nur vermittelt, sondern auch angewendet und weitergedacht wird – denn erst durch den praktischen Einsatz kann sein Potenzial in Pflege- und Betreuungseinrichtungen wirksam werden. In der Baumusterzentrale Zürich steht bereits ein entsprechend ausgestattetes Sitzungszimmer zur Verfügung (siehe nachfolgende Abbildung). Eine weitere Installation an der ZHAW ist geplant, um Lichtwirkungen auch im Lehr- und Forschungsalltag erlebbar zu machen.

Interviewpartner*innen
- Ada-Katrin Busch und Jonathan Dominguez Hernandez (beide Dozierende), Institut Pflege, Departement Gesundheit der ZHAW
- Hannes Schifferle, Studierender des Studiengangs Master of Science in Pflege, ZHAW
- Julia Hartmann, Dipl.-Ing. (FH), Creative Director, Lichtplanungsbüro lightsphere GmbH, Zürich
Weiterführende Informationen unter: www.age-stiftung.ch und www.dynamischesLicht.ch